„Papa, ich will den Ironman mit dir machen“
10.09.2014

„Papa, ich will den Ironman mit dir machen“

„Mit ganzer Kraft“ im Kino

Der 17-jährige Julien sitzt Zeit seines Lebens im Rollstuhl. Seine Familie bietet ihm ein behütetes Zuhause, doch sein Vater hält sich distanziert. Das Verhältnis blüht erst auf, als sich die beiden in eine waghalsige Herausforderung stürzen: sie wollen gemeinsam den französischen Ironman bestreiten.

17 ist kein einfaches Alter. Für Julien (Fabién Heraud) ist es doppelt schwer. Er sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. Während andere Jugendliche auf Mädchenjagd gehen, beobachtet er durchs Fernrohr seine Nachbarin oder zockt Videospiele und träumt von Abenteuern. Sein Vater Paul (Jaques Gamblin) hatte von jenen Abenteuern in seiner Jugend genug. Bevor er Familienvater wurde trieb es ihn auf Berge, in Schluchten, ins Meer – nach dem Motto höher, weiter, schneller. Doch nun ist er am Boden: Er hat seinen Job verloren.

Paul schottet sich ab, sein Sohn Julien fühlt sich vollends von seinem Vater im Stich gelassen, seine Mutter (Alexandra Lamy) weiß nicht, wie sie Vater und Sohn wieder zusammenführen soll. Einen Moment lang scheint die Familie daran zu zerbrechen. Bis Julien seinen Vater mit einem Vorhaben konfrontiert: „Papa, ich will den Ironman mit dir machen“, sagt er eines Tages zu ihm in der Garage. Paul wimmelt seinen Sohn erst ab, doch nach einigen Überredenskünsten lässt er sich breitschlagen. Die beiden beginnen zu trainieren.

Der Film „Mit ganzer Kraft“ vom französischen Regisseur Nils Tavernier zeigt, vor welchen Herausforderungen eine Familie mit einem schwerbehinderten Kind steht. Doch der Film ist vielmehr auch eine Parabel aufs Leben und seine Aufgaben - und wie jemand zu Meisterleistungen fähig sein kann, wenn er jene Hürden im Kopf überwindet und einen starken Glauben aufbaut.

Die 90 Minuten beeindrucken besonders durch ihre intensive kontrastreiche Gestaltung: in einem Filmmoment ist es mucksmäuschenstill, im nächsten Moment wird es laut und atmosphärisch, fernen Landschaften folgen nahe Details, hohen Bergen folgen weite Strände. Die Gegensätze in der Kameraführung dringen ein und machen den Film zu einem dynamischen, ästhetischen Werk.

Insbesondere imponiert die schauspielerische Leistung des gehandicapten Fabién Heraud in der Rolle von Julien. „Die Geschichte spiegelt meine eigene wieder, und ich habe natürlich auch einiges mit meiner Filmfigur gemeinsam“, sagt der 20-jährige. Es ist sein erster Film, den er ohne schauspielerische Vorerfahrung bestritt. Regisseur Tavernier und sein Team haben 170 Einrichtungen besucht, um dort einen Jugendlichen zu finden, der sichtbar behindert ist. Bei Fabién Heraud war Tavernier überzeugt. „Sein Lächeln hat mich sofort entwaffnet“, sagt er.

Es folgten vier Monate Schauspiel- und Sprechtraining, bevor die Dreharbeiten begonnen. „Während der Dreharbeiten war Fabien der einzige, den restlos jeder toll fand: Er hat uns alle um sich geschart, ganz gleich ob Schauspieler oder Techniker“, erzählt Nils Tavernier. Dass sich das Ergebnis sehen kann, liegt nicht zuletzt an den Vorerfahrungen Taverniers, der bereits vielfach mit Behinderten zusammengearbeitet hat.

Zwar gleitet der Film manchmal in den Kitsch ab, und die Geschichte ist, nachdem man den Trailer gesehen hat, vorhersehbar. Ein wenig mehr Spannung, ein paar mehr Konflikte und eckige Protagonisten hätten der glatten Dramaturgie nicht geschadet. Insbesondere der Mutter sowie Juliens Schwester hätte etwas mehr Charakter gut getan. Über die zwei Frauen im Film erfährt man nicht viel mehr als ihre Lebensaufgabe „Sich um andere kümmern“. Dennoch schaffen es nicht viele Regisseure eine soziale Geschichte mit einem gehandicapten Menschen als Hauptrolle ins Kino zu bringen. In Zeiten der Inklusionsdebatte ist dies ein wichtiger kultureller Beitrag.

Im Film stoßen Julien und sein Vater noch auf einige Hindernisse. Angefangen bei der Skepsis der Mutter, die Angst um ihren verletzlichen Sohn hat, bis zu mehreren Unfälle und viel Aufregung, der sich Vater und Sohn gemeinsam wiedersetzen und ihr Vorhaben durchziehen.

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