Elisabeth Meier an ihrem Küchentisch. Ort für Diskussionen
Elisabeth Meier an ihrem Küchentisch. Ort für Diskussionen
03.04.2020

Miteinander

"Ohne Gerechtigkeit geht es nicht!"

Ihr Leben lang setzt sich Elisabeth Meier für all die Dinge ein, die ihr wichtig sind - „Sich wegducken geht nicht!“

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von Maike C. Kammüller

„Schau hin!“ – diese Aufforderung ihres Vaters prägte Elisabeth Meier. Und, dass es unverantwortlich ist, sich wegzuducken. Das wussten ihre Eltern genau. Sie hatten den Aufstieg der Nationalsozialisten und den zweiten Weltkrieg erlebt. Heute ist Meier 70 Jahre alt, wohnt in Gütersloh, und bringt dort Geflüchteten Deutsch bei, kämpft gegen den Ausbau einer Bundesstraße und für den Erhalt einer Klosteranlage. Wenn sie sich für etwas einsetzt, dann tut sie das aus tiefer Überzeugung. Selbst, wenn sie damit scheitern könnte.

Mitten in diesem grünen Biotop liegt die Klosteranlage
Mitten in diesem grünen Biotop liegt die Klosteranlage

»Habt Achtung vor der Schöpfung Gottes!«

Protestaktion mit Pappwänden gegen den Straßenausbau
Protestaktion mit Pappwänden gegen den Straßenausbau

Ihr ganzes Leben lang setzt sich Elisabeth Meier deshalb für das ein, was ihr wichtig ist. Ihr prägendstes Beispiel ist ihr mittlerweile fünfundzwanzigjähriges Engagement gegen den Ausbau der Bundesstraße 64. Sie sagt, dass sich damit die Kulturlandschaft mit einer denkmalgeschützten Klosteranlage rund um Clarholz deutlich verändern würde. Und: „Diese wunderschöne Landschaft müssen wir bewahren. So wie es im Schöpfungsauftrag in der Bibel steht. Dafür kämpfe ich.“

Elisabeth Meier spricht mit Leidenschaft, denn Umwelt ist für sie eben kein romantischer Begriff, sondern biblisch geprägt. „Noch heute versuchen wir zu erklären, dass die Landschaft hier nicht einfach ein etwas zu grün geratener Ort ist. Wer hierhin reist und sich diese Kulturlandschaft anschaut, ist erstaunt von der Weite des Blicks und Sinnlichkeit, die von diesem Ort ausgeht. All das würde sich mit der Straßenerweiterung massiv verändern.“

Dran bleiben!

Elisabeth Meier wurde prophezeit, dass ihr Vorhaben Jahrzehnte brauchen würde, um auf Resonanz zu stoßen. „Ich habe es nicht geglaubt. Doch es hat sich bewahrheitet. Erst jetzt kommt Bewegung in die Debatte.“ Mit Pressekonferenzen und Zeitungsartikeln, mit Plakaten, Protestaktionen und mittlerweile auch über Social Media macht die Interessensgemeinschaft auf sich aufmerksam. Immer mehr Menschen vor Ort unterstützen sie. Dieser Kampf wird noch eine Weile dauern.


Ob sie nicht müde werde nach fünfundzwanzig Jahren Einsatz für ein und dieselbe Sache, wird sie manchmal gefragt. „Nein“, lautet ihre Antwort, „halte Treue zu deinen Entscheidungen! Wenn du wirklich von der Richtigkeit einer Sache überzeugt bist, dann bleibe dabei und zeige Gesicht! Es lohnt sich.“

Wenn sich eine Sache gut anfühlt, dann stehe ich für sie ein!

Ein Klosterkreuzgang lädt ein zum Innehalten, Nachdenken und Staunen
Ein Klosterkreuzgang lädt ein zum Innehalten, Nachdenken und Staunen

So kam es auch, dass sich zu diesem Engagement ihr Ringen um den Erhalt und die Pflege der Klöster aus dem frühen 12. Jahrhundert in Clarholz und Lette gesellte. Sie weiß: „Ohne die Klöster sähe es heute sehr wahrscheinlich in Europa ganz anders aus. So etwas darf man nicht einfach vergessen und abreißen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich einmal eine Klosteranlage anzusehen. Man muss daraus ja keine Wallfahrt machen, aber jeder wird begreifen, wenn er ein gut erhaltenes Kloster sieht, welche Bedeutung und Macht diese Orte für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung hatten.“

Doch damit nicht genug. Als Ende 2014 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen wurde Elisabeth Meier gebeten, ihr Wissen als Sprachlehrerin in der Flüchtlingshilfe in Gütersloh einzusetzen. Dictum factum - gesagt, getan. „Auf einmal erschlossen sich mir neue Welten. Wir haben in Deutschland alle wohl eher wenig Kontakt zur arabischen Kultur gehabt. Wie Menschen etwa aus Syrien oder Afghanistan denken und leben ist uns nicht sonderlich bekannt.“ Aus dieser Arbeit beim Arbeitskreis Asyl haben sich dann ungeahnte Bekanntschaften entwickelt.

„Zur Empathie sind wir alle fähig“, weiß Elisabeth Meier. „Wir trainieren es uns nur in unserer extremen profit- und konsumorientierten Welt, in der es immer nur um die schnelle Befriedigung meiner eigenen Interessen geht, ab. Das ist bequemer.“

Manchmal gibt es auch Enttäuschungen

Elisabeth Meier begleitet Flüchtlinge auch bei Terminen im Rathaus
Elisabeth Meier begleitet Flüchtlinge auch bei Terminen im Rathaus
Zusammenhalten macht stark
Zusammenhalten macht stark

Nicht alle Menschen, für die man sich einsetze, hielten auch Kontakt. Mancher, mit dem Meier zum Arbeitsamt gegangen ist, den sie zu Behördengängen begleitet hat, Kleider oder Hausrat besorgte und Arzttermine organisierte, tauchte plötzlich unter und meldete sich nicht mehr. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich das nicht persönlich nehmen darf. Das geht nicht gegen mich. Manchen wird das Leben hier einfach zu viel.“ Viele Männer, Frauen und Kinder hätten vor ihrer Flucht oder auf dem Weg nach Europa schlimme Erfahrungen gemacht. Mit einer Ankunft in Deutschland seien jedoch nicht alle Probleme erledigt.

„Eine gelingende Integration klappt nur, wenn wir alle dabei helfen. Wir müssen darüber sprechen, wie wir hier leben wollen“, betont Meier. „Wir sollten uns überlegen, was wichtig ist, wo wir aus humanitären Gründen unterstützen sollten und wo wir vertrauen können auf die Fähigkeiten, die jeder Mensch in sich trägt.“ Es gehe um Begleitung, nicht um Bevormundung. Es gehe darum, dran zu bleiben. „Nur wenn wir die Menschen so behandeln, wie wir auch behandelt werden wollen“, so Elisabeth Meier, „sind Frieden und Freiheit möglich.“

»Es kommt auf dich an!«

Auch hier zeigt sich deutlich, wie selbstverständlich es für Elisabeth Meier ist, zu helfen. Sie macht keine großen Worte daraus. Es scheint, dass Meier fast intuitiv dem folgt, was ihr in ihrem tief christlichen Elternhaus vorgelebt wurde. Der selbstlose unermüdliche Einsatz für – hier taucht es wieder auf – Gottes wertvolle Schöpfung.

Es lohne sich in Kontakt zu treten mit Menschen, da ist sich Meier sicher. „Wir haben eine Verantwortung für uns und unsere Umwelt. Wir sollten angstfrei mit der Zukunft umgehen und uns einsetzen für das, was wichtig ist.“ Die Welt braucht ehrliches Engagement. „Engagement macht wirklich Freude und macht zufrieden. Ich betone nochmal. Die Schöpfung Gottes sollten wir wertschätzen und bewahren. Sie kommt sonst nicht wieder.“

Zum Abschluss möchte Elisabeth Meier mir und den Lesern mit auf den Weg geben: „Es kommt auf dich an!“.

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