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24.12.2021

Weihnachten

„Die große Stille“

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von Stephan Schröder

„Die große Stille“ – Unter diesem Titel wurde im Jahr 2005 ein außergewöhnlicher Film in den Kinos gezeigt. „Die große Stille“ ist ein dokumentarischer Film, der ohne Hintergrundmusik, ohne Kommentare auskommt und nur auf die Kraft der Bilder und der Stille setzt. Ganze 160 Minuten ist der Film lang, der von Philip Gröning über mehrere Jahre hinweg in der „Grand Chartreuse“, dem Mutterkloster der Kartäuser, bei Grenoble, gedreht wurde. In diesem Film wird nichts anderes gezeigt als der Alltag der schweigenden Kartäusermönche. Die Kinobesucher waren seinerzeit sprachlos und beeindruckt von diesem außerordentlichen Film. Man stelle sich mal vor, dass in einem voll besetzten Kinosaal 160 Minuten lang Stille herrscht. Zur Verwunderung vieler ist der Film ein echter Kinohit geworden. In einer lauten Welt, in einem Leben voller Hektik, Betriebsamkeit und voller Aktionismus hat dieser Film „Die große Stille“ in den Menschen etwas berührt, was viele bis dahin verloren haben: Die Stille!

Spiritualität und Kontemplation, die Sehnsucht nach Stille und Meditation sind zu einem Thema geworden, das mitten in dieser lauten und lärmenden Gesellschaft eine ungeahnte Bedeutung gewonnen hat. Nur deshalb hat dieser lautlose Film ein solches Echo hervorgerufen. Intuitiv hat das Kino-Publikum gespürt: Dort, in der Großen Kartause, dort, wo diese angeblich weltflüchtigen Mönche dem Geheimnis der großen Stille des göttlichen Geheimnisses auf der Spur sind, leuchtet etwas auf von dem, was das Evangelium Jesu Christi uns zu sagen hat.

Die großen Mystiker, die Wüstenmönche und Einsiedler haben es das „Vacare Deo – Das Leersein für Gott“ genannt. Gottvolle Menschen wurden die meisten von ihnen nur, weil sie sich vorher von allem entledigt hatten, was in ihrem Leben an seine Stelle getreten ist und den Weg zu ihm versperrt hat. Aus dieser verschütteten und heute von vielen innerhalb und außerhalb der Kirche wiederentdeckten geistlichen Tradition stammt auch die Einsicht, die Thomas Keating, ein amerikanischer Mönch unserer Tage, so formuliert hat: „Silence is God’s first language – Die Stille ist Gottes wichtigste Sprache.“ Das heißt, wenn ich Gott verstehen will, wenn ich ihn hören will, sollte ich seine Sprache lernen: „Stille“.

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So wie das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ am Heiligabend unsere Herzen berührt und zu Weihnachten einfach dazugehört. So gehört auch die Stille zu dieser Heiligen Nacht und zu Weihnachten. Denn Gott hat sein Werk in aller Stille begonnen. Bei all dem Lärm unseres Lebens, bei all dem Weihnachtsgetöse werden wir heute daran erinnert, dass Gottes Stimme nur in der Stille gehört und verstanden werden kann.

Eine Geschichte vermag uns das Geheimnis der Stille näherzubringen: Zu einem Mönch, der in einem einsamen Kloster lebte, kamen einst Leute und fragten ihn: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben – in dieser ewigen Stille und Einsamkeit?“ Der Mönch war gerade dabei, im Klosterhof mit einem Eimer Wasser aus dem Brunnen zu holen. Er sagte zu den Besuchern: „Schaut jetzt in den Brunnen hinein. Was seht ihr da?“ Sie schauten in die Tiefe. „Wir sehen nichts, gar nichts.“ Nach einer Weile forderte der Mönch die Besucher erneut auf, in den Brunnen zu blicken. Als die Leute sich über den Brunnenrand beugten, fragte er sie: „Was seht ihr jetzt?“, sie antworteten: „Jetzt sehen wir uns selbst.“ Da sagte der Mönch: „Als ich vorhin Wasser geschöpft habe, war das Wasser noch unruhig. Jetzt ist es ruhig geworden. Das genau ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selbst. Und wenn man mit sich selbst zur Ruhe gekommen ist, kann man Gott begegnen.“

Die Kinobesucher des Films „Die große Stille“ waren am Ende sprachlos und beeindruckt von 160 Minuten Stille und von der Kraft der Bilder. Sie haben etwas wiedergefunden, was sie zuvor verloren hatten: Die Stille! Ich wünsche allen in der Heiligen Nacht eine ähnlich große innere Stille, damit die Stimme Gottes zu uns durchdringen kann, damit wir den Gesang der Engel in dieser Nacht mit dem Herzen hören können: „Heute ist Euch der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr.“

Frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

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