Veras Zeichnungen aus dem Gefängnis Zhodino
14.10.2021

Miteinander

13 Tage Haft für die Freiheit

Wenn Blumen zur Straftat werden – im Gespräch mit der Bürgerrechtlerin Vera aus Belarus

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Von Lioba Vienenkötter

Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo – diese Frauen schafften es auch in die deutschen Nachrichten. Es sind die mutigen Anführerinnen der belarussischen Protestbewegung. Seit Sommer 2020 gingen Menschen auf die Straßen, um gegen die manipulierten Wahlen und Staatspräsident Alexander Lukaschenko zu protestieren. Angetrieben von Wut und Willen zur Veränderung.

Die Menschen demonstrieren für Prinzipien, die für die meisten Deutschen völlig selbstverständlich sind: Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und freie Wahlen Die Proteste wurden von Polizei und Militär brutal niedergeschlagen. Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo mussten nach Litauen und Polen fliehen, Maria Kolesnikowa wurde verhaftet. Nach einem Jahr in Haft wurde sie zu weiteren elf Jahren Gefängnisstrafe verurteilt.

Doch die drei Frauen sind nicht die einzigen, die verfolgt und verhaftet wurden. In den belarussischen Gefängnissen sitzen über 650 politische Gefangene, die gegen Lukaschenkos Regime protestieren. Zu ihnen gehörte auch Vera, eine junge Frau aus Minsk, die im September 2020 für knapp zwei Wochen inhaftiert wurde. Den Kontakt zu Vera hat Christina Dietl vom Caritasverband Paderborn hergestellt, mit der YOUPAX das Schreibprojekt zum Thema Gerechtigkeit ausrichtet. Um Gerechtigkeit geht es auch in Veras Geschichte.

Düsseldorf/Paderborn/Minsk. Es ist ein Dienstagabend im Herbst, in Deutschland ist es 19:00 Uhr, in Belarus eine Stunde später. Ich sitze vorm Laptop am Schreibtisch, genau wie Christina von der Caritas. Wir sind mit Vera verabredet. In Düsseldorf scheint die Sonne, in Minsk regnet es. Vera steht mit einem Regenschirm im Gorki-Park am Platz des Friedens.

Eine Zellengenossin im Gefängnis von Zhodino
Die Verhältnisse im Gefängnis sind sehr beengt.
13 Tage saß Vera im Gefängnis

Vera heißt gar nicht Vera, ihren echten Namen dürfen wir nicht veröffentlichen. Christina hat ihr dieses Pseudonym gegeben, auf Russisch bedeutet Vera „Glauben“. Russisch ist ein gutes Stichwort, denn als Vera, Christina und ich miteinander online sprechen, verstehe ich die meiste Zeit kein Wort. Meine Russisch-Kenntnisse beschränken sich auf vier Vokabeln. Vera spricht weder Deutsch noch Englisch. Christina muss für uns dolmetschen.

Vera ist 31 Jahre alt, die Haare trägt sie kurz geschnitten unter einer Mütze. Ihre Augen sind sanft. Während des Gesprächs treten mehrfach Tränen in die Augenwinkel. Ruhig und trotzdem bewegt erzählt sie mit ihrer tiefen Stimme, die sogar das mir so unvertraute Russisch melodisch klingen lässt. Lange hat sie in einem orthodoxen Kloster gearbeitet, jetzt hat sie einen Job in einer Werkstatt für kirchliche Architektur. Für diesen neuen Job hat sie extra einen Zeichenkurs gemacht. Dass Zeichnen ihre Stärke ist, davon erzählen auch die Bilder, die sie im Gefängnis angefertigt hat: Mit flinken, ausdrucksstarken Kugelschreiber-Strichen hat sie die beengten Zellen, die willensstarken Frauen und das endlose Warten aufs Papier gebannt. An vielen Stellen sind die Zeichnungen mit Kommentaren versehen, wie zum Beispiel: „Der Doktor reicht uns beim Spaziergang eine Zigarette“. Seit Vera aus der Haft entlassen wurde, hat sie nicht mehr gezeichnet.

Aber beginnen wir am Anfang. Im August 2020 nahm Vera zusammen mit ihrer Schwester und einigen Freundinnen an den Protestmärschen in Minsk teil. Für sie alle war das der einzige Weg, ihre Wut und den Wunsch nach Gerechtigkeit auszudrücken. Hier auf der Straße spürte Vera Begeisterung, sie konnte erleben, wie hunderte Menschen ihre Idee von einem freien und gerechten Land teilten. Es seien friedliche Proteste gewesen, häufig hätten die Demonstrantinnen Blumen bei sich getragen: Rosen, Nelken, Dahlien – die meisten sind rot weiß, die Farben der belarussischen Opposition.

Dann kam die belarussische Polizei. Und mit ihr die Gewalt.

Auf Facebook schreibt Vera später über die Polizeipräsenz bei den Protesten: „Ich selbst bin recht groß, aber manchen dieser „Bullen“ reichte ich nur bis zum Kinn. Ich hatte keine Angst. Ich schrie nicht, sondern schaute ihnen in die Augen und überlegte, wie ich versuchen könnte, aus der Falle zu entkommen. Dann bedeckte einer von ihnen mit seiner Hand meine Augen mit den Worten: „Was starrst du so?“ Einige von ihnen holten aus ihren Brusttaschen ihre Handys und fotografierten uns einfach oder nahmen Videos aus einem halben Meter Entfernung auf. Viele schnitten Grimassen oder lachten einfach. Mich verblüffte das, weil das für sie, wie es ganz klar erschien, eine Belustigung war. Ein Katz- und Maus-Spiel. Da begannen sie, uns zu ergreifen.“

Vera und ihre Schwester wurden ebenfalls verhaftet und zuerst auf eine Polizeistation gebracht, danach in ein Gefängnis in der Nähe von Minsk. Das Protokoll, das Vera unterschreiben musste, war gefälscht, es lautet: „Ich nahm an einer Kundgebung teil, rief "Es lebe Belarus", "Schande", "Tritt zurück", und wurde um 15:30-15:40 Uhr festgenommen.“ Einen Tag später fand die Gerichtsverhandlung statt – via Videokonferenz, allerdings ohne stabile Internetverbindung und mit fingierten Zeugenaussagen. Sie selbst sei während der Verhandlung ganz ruhig gewesen, auch als das Urteil vorgelesen und sie zu einer Gefängnisstrafe von 13 Tagen verurteilt wurde.

Guten Morgen! Ein Brot bitte und einen Spaziergang!
Guten Morgen! Ein Brot bitte und einen Spaziergang!

Im Gefängnis begann Vera zu zeichnen und kümmerte sich um ihre Zellengenossinnen, die ihr die Zeit erleichterten: „Ich sah meine lieben Mädchen und entschied, dass die Hauptsache die Menschen sind, und an die Wände kann man sich gewöhnen.“

Im Gefängnis las Vera auch im Neuen Testament. Der Glaube war eine große Stütze, wie sie erzählt: „Gott war bei mir. Ich spürte eine innere Ruhe und Stärke, die er mir gab. Ich habe mich nie allein gefühlt.“ So konnte sie die Zeit im Gefängnis überstehen.

Eigentlich sieht die belarussische Verfassung ein Demonstrationsrecht vor, allerdings wurde unter Lukaschenko ein Gesetz eingeführt, das dem widerspricht und die Verfassung dahingehend außer Kraft setzt. In Belarus ist es mittlerweile schon ein politisches Statement, rote und weiße Blumen auf dem Balkon zu pflanzen, sagt Vera – auch dafür kann man inhaftiert werden. Die Rechtsstaatlichkeit in Belarus ist praktisch völlig aufgehoben.

Das Zusammenleben in er Zelle verläuft friedlich
„Der Doktor reicht uns beim Spaziergang eine Zigarette“
Solidarität zueinander half den Frauen im Gefängnis
„Ich sah meine lieben Mädchen und entschied, dass die Hauptsache die Menschen sind, und an die Wände kann man sich gewöhnen.“

»Stellt euch vor, ihr könntet zehn Tage lang das Tageslicht nicht sehen und keine Luft atmen.
Auch tagsüber brannte das Licht in der Zelle, obwohl das Wetter gut war, und bei Sonnenuntergang wurde unser trübes Fenster golden.«


Den Frauen wurde vieles verwehrt – der regelmäßige Zugang zu Duschen genauso wie Spaziergänge im Hof. Einer ihrer Facebookbeiträge, die sie erst nach der Haftstrafe veröffentlichte, beschreibt eine sehr eindrückliche Situation:

Während der Schichtleiter die Tür öffnete, fragte ihn eine der jungen Frauen: „Gibt es Läuse?“ „Nein, aber wenn man nur gut genug sucht, kann man alles Mögliche finden.“ „Auch Gerechtigkeit?“ „Nein, Gerechtigkeit nicht.“

Gerechtigkeit. Das bedeutet für Vera, ein ehrliches und respektvolles Verhältnis zu sich selbst und ihren Mitmenschen aufzubauen. Dass es Gerechtigkeit unter dem Lukaschenko-Regime nicht geben kann, das hat sie schmerzvoll am eigenen Leib erfahren müssen: zunächst bei den Wahlen und dann im Gefängnis. Deshalb geht sie auch heute, nach ihrer Haftstrafe, weiter für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit auf die Straße. Sie blickt auf diejenigen, die weiterhin im Gefängnis sitzen, die misshandelt und gedemütigt werden. Sie sagt: „Unschuldige Menschen leiden jetzt. Sie werden geschlagen und verstümmelt, vergewaltigt und moralisch mit Füßen getreten. Ich persönlich kann es mir nicht erlauben, nachzugeben. Mich in einer Kiste zu verkriechen und alles so zu lassen, wie es ist.“ Angst vor einer erneuten Verhaftung hat sie nicht. Trotzdem schreibt sie immer eine Nachricht für ihre Arbeitskolleginnen. Nur für den Fall, dass sie wieder festgenommen wird und nicht ins Büro zurückkommt. Sie sagt: „Ich sehe die Proteste als meine Verantwortung, die ich für das Leben und die Freiheit meiner Freundinnen und Mitmenschen trage. Deshalb werde ich nicht aufhören zu protestieren.“

Für die Zukunft in Belarus wünscht Vera sich Freiheit; sie wünscht sich, freie, fröhliche und lächelnde Menschen auf der Straße zu sehen, und dass die rot-weißen Flaggen wehen.

Einen Wunsch hat Vera jedoch auch an uns: „Ich wünsche mir, dass Europa und besonders Deutschland unser Land nicht vergisst. Es gibt so viele Menschen, die nicht so bekannt sind wie die Anführerinnen der Proteste und die trotzdem für mehrere Jahre zur Haft verurteilt wurden. So wie Belarus regiert wird, darf kein Staat regiert werden. Das dürft ihr nicht vergessen.“

Vera in Minsk, Christina in Paderborn, ich in Düsseldorf. Uns trennen 1630 Kilometer. Hier ein Leben in Freiheit und Demokratie, dort ein Leben in Unfreiheit und Diktatur. Auch die Sprache trennt uns. Aber manches überträgt sich auch ganz ohne Worte. Ich sehe Vera, die so weit weg ist, doch ganz nah auf meinem Bildschirm. In ihren Augenwinkeln sind Tränen und ich höre „Спасибо“. Das muss mir niemand übersetzen. „Danke.“

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