Punkrocker statt Missionar
30.09.2015

Punkrocker statt Missionar

SOUNDCHECK: Jens Böttcher

Von Caroline von Eichhorn

„Ich suche. Und ich schreibe und singe seit Jahren über die Liebe. Das klingt so trivial. Aber das ist es nicht.“

So beginnt der Song „IV: Revolution“ von Jens Böttcher. Ein rauer tiefer Sprechgesang leitet ein Essay über das Menschsein sein, über Risiken, Ignoranz, Zynismus, Angst und andere seelische Regungen.

Wer Jens Böttchers Songs hört, muss über die philosophischen Zeilen nachdenken. Der 49-Jährige möchte seinen Zuhörern in den Songs nahe kommen und meint es ernst damit. Musik ist für ihn eine absolute Herzenssache. Jens Böttcher ist ein Künstler auf vielen Ebenen: Musiker, Comedy-Autor, Schriftsteller und selbsternannter Überlebenskünstler.

Seit 15 Jahren ist er als Solomusiker unterwegs und kriegt gar nicht genug davon. Im Herbst 2015 will er wieder touren; nächstes Jahr noch mehr. „Ich kann meine Alben gar nicht mehr zählen“, sagt er. Mit dabei: seine beiden Kumpels Henry Sperling und Karsten Brötschmann. Sie produzieren Böttchers Platten und spielen bei ihm in der Band. „Das ist auch wichtig, so ne Gang zu haben“, sagt Böttcher.

In seiner Interviewreihe „Tiefseetauchen“ führt er lange Gespräche mit prominenten Gästen – Laith Al-Deen, 2Flügel und Johannes Falb waren bereits in seiner Fernsehsendung, die auch auf YouTube zu finden ist.

Jens Böttcher

Mit seinem Bruder Sven Böttcher blüht er zu Comedy-Hochtouren auf. Sie schreiben für das NDR-Satiremagazin extra 3 das Format „Neulich im Bundestag“ - seit drei Jahren. Die Zusammenarbeit ergab sich, nachdem ihr erstes erfolgreiches Comedyformat „Funny Dubbings“ auf Sat. 1 sendungsbedingt eingestellt wurde. Daneben hatte er einige erfolgreiche Radioserien beim WDR, wie etwa die Serie „Reverend Eminent“, mit über 1000 Folgen produziert.

Böttcher beherrscht das Komödiantische ebenso wie das Melancholische. Für Böttcher ergänzt es sich hervorragend. „Mit beidem kann ich Wahrheiten transportieren“, sagt er.

Mittlerweile kann er von seinen kreativen Tätigkeiten gut leben, auch wenn es immer wieder Durststrecken gibt. Denn so schnell ein Angebot kommt, so schnell verschwindet es auch wieder. „Fernseh- und Radiojobs sind eine schnelllebige Welt“, sagt Böttcher. Als die Comedyreihe „Reverend Eminent“ eingestellt wurde, ging Böttcher etwas ab. „Je länger was dauert, desto schmerzhafter ist es, damit aufzuhören“. Er ist aber auch nicht so der Typ, der auf viel Sicherheit steht. „Rentenversicherung, was ist das eigentlich?“ Ihm ist es wichtiger, seine Dinge in Freiheit zu tun. Für ihn hat es viel mit Menschsein und authentisch sein zu tun.

Bereit in der Kindheit musizierte Jens Böttcher viel. Mit 13 Jahren gründete er seine erste Punkband. Er brach die Schule ab und arbeitete als Kabelträger. Anfang der 2000er erlebte er einen Glaubensmoment, der sein Leben veränderte. In der Badewanne eines Hotelzimmers ließ er sich vom amerikanischen Pastor Bayless Conley taufen.

Zuvor war Jens Böttcher nicht gläubig oder christlich sozialisiert. Seine Eltern wollten ihm die Entscheidung überlassen, wenn er erwachsen ist. Er entdeckte im Fernsehen den Priester Conley, obwohl die klassische amerikanische Evangelikal-Verkündigung eigentlich nicht seines ist. Ihn begeisterte vielmehr die herzliche Verbindung. Er rief bei der Gemeinde in Kalifornien an und es kam zu dem Treffen im Hotelzimmer.

Jens Böttcher

Christsein heißt für ihn, dass er niemanden ausgrenzt, etwa was die Konfessionen angeht: zwischen Katholiken, Protestanten oder Freikirchlern macht Böttcher keinen Unterschied. „Wir sind alle Menschen und haben Neurosen.“

Dennoch kritisiert er gelegentlich das System Kirche, lebt seinen Glauben lieber außerhalb der Gottesdienste. „Das Eigentliche geht unter einer Bürokratisierungs- und Strukturierungswut unter. Ich geh viel lieber dahin, wo das menschliche Herz pocht“, sagt er. „Kirche hat viel von der Gesellschaft, in der wir leben.“

Eben dieser Gesellschaft möchte er auf den Grund gehen und Stellen am Menschen erkunden, über die im Alltag häufig hinweggesehen wird. Er spürt, dass da eine große Sehnsucht nach Gottes Liebe ist. „Ich will mich nicht als Missionar aufspielen. Ich bin Punkrocker. Ich mach das Therapeutische darin; es gibt keinen der das nötiger hat als ich“, sagt er. Um andere Menschen zu inspirieren, erinnert er sich immer gern an Hermann Hesses Zitat: „Ich bin du und du bist ich.“

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