Klettern mit Gott

Body + Soul

18.09.2017

Klettern mit Gott

An der Sankt Walburga Realschule in Meschede erklimmen Jugendliche Bäume und begegnen dabei Gott

Von Laura Konieczny

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag in Meschede. Christopher König (32) räumt Kiste um Kiste mit Klettermaterial aus seinem Wagen. Helme, Seile, Gurte, Karabinerhaken, Klettergriffe und allerlei Kleinkram liegen schon bald auf der Wiese hinter der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt bereit. Nach und nach trudeln Schülerinnen und Schüler ein. Sie alle besuchen die St. Walburga Realschule und haben das Fach „Klettern“ gewählt. Gemeinsam mit Christopher König, Referent für Jugend und Familie im Dekanat Hochsauerland-Mitte, lernen sie zwei Jahre lang verschiedene Sicherungs- und Seilgartenbautechniken kennen – und setzen sich dabei mit ihrem Glauben auseinander.

Genaue Absprachen sind wichtig für gute Teamarbeit.
Genaue Absprachen sind wichtig für gute Teamarbeit.
Timo Kochsiek (15) bringt eine Sicherungsstation im Baum an und wird selbst gesichert.
Timo Kochsiek (15) bringt eine Sicherungsstation im Baum an und wird selbst gesichert.

Das Projekt ist Teil des Zukunftsbildes des Erzbistums Paderborn. Es ist eine Erweiterung des Wahlpflichtangebots der Schule, das zuvor wenig für Leute mit sozialem Engagement geboten hatte, so Christopher König. Gleichzeitig ergänze es die bisherige Jugendverbandsarbeit, die aufgrund langer Schulzeiten immer schwieriger werde. Außer „Adventure Team Plus“ (siehe Infobox) können die Neuntklässler zwischen den Fächern Hauswirtschaft, Informatik, Theater und Patenschaft im Seniorenheim auswählen. „Ich wollte was tun, wobei man sich sportlich betätigen kann und im Freien ist“, sagt Emmi Schaab. 

Für die 15-Jährige stand die Wahl gleich fest. Neben den Praxiseinheiten, wie heute auf der Wiese hinter der Kirche, gehören zum Kletterunterricht auch Theoriestunden und Teamaufgaben. „Die machen wir meist, wenn das Wetter draußen schlecht ist“, erzählt sie und ist begeistert von der Vielfalt dieses Unterrichtsfachs. Auch der Glaubensbezug gefällt ihr gut. „Das Thema Religion schwingt einfach immer mit“, so Emmi. In einer der ersten gemeinsamen Stunden zu Beginn des Schuljahres stellte sich die Gruppe die Frage: „Was ist, wenn ich mal nicht weiter weiß?“ und stellte fest: „Gott beschützt uns.“ Darüber hinaus hat Emmi bereits im ersten Schuljahr des Projekts vieles gelernt, das über die Klettertechnik allein hinaus geht, zum Beispiel „wie wichtig es ist, im Team zu arbeiten und sich aufeinander verlassen zu können.“

Nach einem fröhlichen Hallo und Geplaudere auf der Kirchwiese begrüßt Christopher König seine Gruppe auch offiziell. Dann geht es gleich los. Er beschreibt den Jugendlichen das Szenario für den heutigen Nachmittag: „Stellt euch vor, in einer Stunde kommen Kinder für eine Veranstaltung.“ 20 Minuten haben die Jugendlichen Zeit für die Planung, 40 für den Aufbau einer Kletteranlage. „Das ist verdammt wenig Zeit“, räumt er ein, „aber das schafft ihr. “ Die Aufgabe: An einem Baum soll mit so genannten ‚Monkeys“, das sind mobile Klettertritte und -Griffe, eine Kletterroute für Kinder entstehen.

Kaum hat Christopher König ausgesprochen, machen sich die sieben Schüler an die Arbeit. Schritt eins: Teambesprechung. „Was brauchen wir?“ fragen sie sich und legen, im Schatten auf dem Boden sitzend, eine Materialliste an. „Zwei Seile, zwei Schlingen, Sicherungsgurt und Helme“, schreiben sie auf. Auch die einzelnen Aufgaben für das Projekt sind schnell verteilt. Timo klettert auf den Baum rauf und sichert sich dabei selbst, legt die Gruppe fest. Er soll eine Rettungsstation und das Sicherungssystem für die Besucher des Kletterpfades an einem dicken Ast anbringen. Die Mädels befestigen währenddessen die ersten Monkeys am Stamm des Baumes.

Christopher König checkt, ob Antonias Knoten fest ist.
Christopher König checkt, ob Antonias Knoten fest ist.

Nach zwanzig Minuten beschließt die Gruppe: Genug der langen Rede. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Das heißt: Schutzhelme aufsetzen, Gurte anlegen, Seile holen – und ran an den Baum. Stück für Stück arbeiten sich die Mädchen und Timo voran. Christopher hält sich im Hintergrund, stellt konstruktive Nachfragen und gibt Hilfestellung, wenn es kurz hakt. „Sicherheit hat immer Priorität“, sagt er. Deshalb gilt bei allen Arbeitsschritten das Vier-Augen-Prinzip: Timo klettert geschickt den Baum rauf und sichert sich mit einer speziellen Vorrichtung selbst, Antonia prüft von unten, dass er tatsächlich sicher ist. „Es geht hier nicht nur ums Klettern lernen“, erklärt Christopher König. Vielmehr gehe es auch darum, Lerninhalte der Erlebnispädagogik zu vermitteln: „Kooperation, Vertrauen, Zusammenarbeit.“

Im vergangenen Schuljahr nahmen sieben Schülerinnen und ein Schüler der damals neunten Klasse am AT+ teil. Jetzt, im zweiten Jahr, unterstützen die Zehntklässler die neuen Neuner. Das Konzept heißt „Peer Learning“: Einer lernt vom Anderen. Wie selbstverständlich reflektieren die jungen Menschen dabei ihre eigene Gottesbeziehung und stellen sich auch im übertragenen Sinne Fragen wie: „An welchem Seil hänge ich?“ Christopher König ist sich sicher: „Um Glauben zu leben in Gemeinschaft muss erst einmal Gemeinschaft entstehen.“

Das ‚Adventure Team’ des BDKJ gibt es schon lange. Seit mehr als 20 Jahren organisieren die ehrenamtlichen Mitglieder Kletteraktionen auf Pfarrfesten an. Dabei folgen sie dem Motto: „Klettern. Erleben. Begreifen.“ Das Angebot, an dem die Schülerinnen und Schüler in Meschede teilnehmen, trägt den Namen ‚Adventure Team Plus’ (AT+).

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