„Ich hatte eine große Aufgabe vor mir“
24.07.2013

„Ich hatte eine große Aufgabe vor mir“

SAINTS4LIFE: Liborius

Ich schlendere den Kamp hinauf, verweile hier und da vor den Schaufenstern der Geschäfte und genieße diesen herrlichen Sommertag. Gedankenverloren halte ich inne. Meine rechte Hand streift das Wasser eines Brunnens. „Eine herrliche Erfrischung“, denke ich und verweile. Von den wasserspeienden Fischen schaue ich auf zu der Gestalt mit Bischofsstab in der rechten und der Bibel in der linken Hand. An mir strömt weiter die Menschenmenge vorbei, in geschäftiger Betriebsamkeit. Keiner nimmt sich die Zeit, ihn zu betrachten - ihn, der über Paderborn zu wachen scheint. Nur ich schaue diesen Mann, mit dem sicheren bestimmten Blick in die Ferne, an und lasse mich mitnehmen ...

„Ich hatte eine große Aufgabe vor mir“, beginnt er plötzlich zu erzählen. „Ich war erst der zweite Bischof in Le Mans, wir waren noch ganz in den Anfängen. Die Menschen in Gallien, im heutigen Frankreich, glaubten nicht an Gott. Ich fühlte mich berufen, ihnen von Jesus Christus zu erzählen.“ Die Bibel, die er fest in den Händen hält, war dabei sein wohl wichtigstes Werkzeug. „Ich habe damals viele Landpfarreien gegründet. Immer mehr Männer kamen und empfingen durch meine Hände die Weihe zum Diakon oder Priester.“ Fast zögernd fügt er hinzu: „Der Herr hat mir heilende Hände geschenkt. Viele kamen zu mir. Auch noch an mein Grab ...“ Tiefe Bescheidenheit spricht aus seinen Worten. Dabei bemerke ich sofort die Aura, die ihn umgibt: Dieser Mann war nah bei den Menschen, konnte begeistern.

Der Pfau zu seinen Füßen schlägt ein Rad. Ich bewundere die blau schimmernden Federn und die großen Augen. „Mein treuer Begleiter“, sagt der Bischof schmunzelnd. Ob man dieser Legende Glauben schenken sollte, frage ich ihn skeptisch. Ein Schulterzucken und ein aufmunternder Blick geben mir zu verstehen, dass ich eine Antwort nicht bekommen werde. „Mit Gott ist alles möglich! Ihr Menschen habt das Glauben verlernt. Glauben heißt Vertrauen.“ Die Augen auf dem Rad des Pfaus scheinen mich ebenso vorwurfsvoll anzublicken. Ein stolzes, kraftvolles Tier steht dort vor mir. Ist es wirklich so abwegig, dass einer seiner Artgenossen sich auf den Weg gemacht hatte, um die Gebeine des Heiligen zu begleiten?

Während ich noch an die Prozession denke, erzählt er weiter: „Das Beispiel meines Lebens und Arbeitens konnte viele Jahrhunderte später in Paderborn wieder Früchte tragen. Der junge Bischof Badurad, der meine Gebeine hierher holte, stand vor einer ähnlich großen Aufgabe wie ich fast 400 Jahre vor ihm: einem jungen Bistum zum Glauben zu verhelfen.“ Ich betrachte die markanten Gesichtszüge des Bischofs. Plötzlich schaut er mir direkt in die Augen: „Wissen Sie, junge Dame, eine große Freundschaft ist darüber hinaus gewachsen zwischen Le Mans und Paderborn. Der Glaube hat die Menschen vereint über alle Ländergrenzen hinweg.“ Ob das in Zeiten der Finanzkrise auch noch so ist, muss ich unwillkürlich denken. Der Bischof scheint meine Gedanken zu erahnen. „Gerade jetzt gilt es, an die Gemeinsamkeiten und Freundschaften zu erinnern; nicht an eigene Interessen oder unsere Differenzen“, antwortet er mir. Dazu gehört doch mehr dazu als Crêpes und Baguette im Petit Paris an Libori ...

Ob es ihn nicht störe, dass das Volksfest so manches Mal seinen Ursprung vergessen lässt? Lächelnd antwortet er mir: „Ach, nein! Es gibt doch nichts Schöneres, wenn Weihrauch und Kerzen sich mischen mit Zuckerwatte und Lichterketten; wenn Menschen, weil Libori ist, von der Kirmes auch in die Kirche gehen ...“

Sein Lächeln erstarrt. Mein Blick löst sich von ihm und fällt auf den goldenen Schriftzug am Fuße dieses Mannes: „Liborius“. Es wird Zeit, weiter zu gehen. Ich laufe durch die geschäftige Menge und habe Lust, von meiner Begegnung zu schreiben ...

Isabella Henkenjohann

Unsere JUPA-Mitarbeiterin Isabella Henkenjohann ist für den Bereich "SAINTS 4 LIFE" zuständig und schreibt jeden Monat über eine spannende Begegnung mit einem Heiligen. Vorschläge können an redaktion@jupa-paderborn.de gesendet werden.