Ostern im Stall
25.03.2016

Ostern im Stall

Eine junge Schäferin im Porträt

Von Tobias Schulte

Sarah Drude geht in den Stall hinter dem Haus ihrer Familie. In Arbeitshose und Sicherheitsschuhen läuft die 24-Jährige über Stroh, das den Boden bedeckt. Mäh, Mäh, Mäh rufen ihr hunderte Schafe im Kanon entgegen. „Die haben Hunger“ sagt Sarah, greift zur Forke und wirft den Tieren Heu in eine Futterrinne. 

Sarah Drude ist Schäferin. Neben der Fortbildung zur Agrarbetriebswirtin investiert sie viel Kraft und viele Gedanken in den Familienbetrieb in Warburg-Welda – und damit in die Erhaltung der Schöpfung. Vater Wendelin hat rund 460 Mutterschafe, die im Jahr 500 bis 600 Lämmer kriegen. Durch den Verkauf von Lämmern und durch Landschaftspflege verdient die Familie ihr Geld.

Das Lamm ist ein Symbol für Unschuld und Wehrlosigkeit. An Karfreitag feiern wir Christen Jesus, der sich als Lamm Gottes stellvertretend für die Menschheit opfert. Deshalb war es bei den frühen Christen Brauch, geweihtes Lammfleisch als erste Mahlzeit an Ostern zu essen.
„Zu Ostern ist die Nachfrage nach Lämmern natürlich am höchsten. Da wird meist schon im Vorjahr angefragt, wie viel Lämmer wir ungefähr abzugeben haben“, beschreibt Sarah. Verkauft würden vor allen Dingen die männlichen Lämmer, und zwar bei einem Gewicht von 40 Kilogramm, da es das beste Gewicht zum Schlachten von Lämmern sei. Die weiblichen Lämmer behalten die Drudes größtenteils, damit sie Mutterschafe werden und wieder Lämmer kriegen.

Ostern als Auferstehung der Natur

Neben dem wichtigsten Fest für die Christen ist Ostern für Sarah Drude vor allen Dingen das „Erwachen des Frühlings“. Sie erklärt: „Gefühlt wird ab Ostern das Wetter immer besser und man kann draußen ohne Jacke rumlaufen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn die Natur wieder zum Leben erwacht.“ Gerade als Schäferin sei sie bei jedem Wetter draußen, spüre den Lauf der Jahreszeiten und freue sich deshalb besonders auf Ostern.
Dass der Lauf der Natur erhalten bleibt, dabei vertraut Sarah auch auf Gott. „Ich glaube an Gott und daran, dass es viele Dinge gibt, die nicht beeinflussbar sind, weil sie in seinen Händen liegen. Deshalb bete ich und spreche mit ihm über meinen Alltag“, sagt die 24-Jährige.

Innerhalb der Woche hat Sarah einen sehr strukturierten Tagesablauf. Nach dem Wirtschaftsabi und der Ausbildung zur Landwirtin will sie staatlich geprüfte Agrarbetriebswirtin werden. Dafür fährt sie täglich drei Stunden bis zur Schule nach Menden und zurück. Nachmittags steht dann die Arbeit auf dem Hof der Familie an. „Mitzuhelfen ist für mich selbstverständlich, ich habe von klein auf an mitgearbeitet, wo ich konnte. Es bereitet mir unglaublich viel Freude, Schäferin zu sein, ich spüre aber auch eine Verantwortung dazu. Mein Vater ist in der siebten Generation Schäfer. Er hat mir, meiner Schwester und meinen Bruder deutlich gemacht, dass der Betrieb nur laufen kann, wenn die ganze Familie Hand in Hand arbeitet.“ Zeit für Hobbys und feiern zu gehen bleibe ihr da wenig. Wenn, dann geht Sarah reiten oder sie powert sich beim Zumba oder Krafttraining im Fitnessstudio aus.

Die Schöpfung hautnah erleben

Wenn Sarah durch den Stall hinterm Haus mit rund 500 Schafen geht, kann sie das Blöken der Schafe nicht unbedingt verstehen, aber sie kann es nachvollziehen und interpretieren. „Die beiden Lämmer rufen zum Beispiel nach ihrer Mutter, die von ihnen getrennt ist, weil die Lämmer mittlerweile alt genug sind und die Mutter heute abgeholt wird“, sagt Sarah.

Außerdem kann sie sich die einzelnen Tiere merken und sie auseinanderhalten. Besonders die Schafe, die sie mit der Flasche aufgezogen hat, erkennt sie sofort: „Ich merke mir die Schafe anhand des Fells und der Gesichtszüge. Bei manchen Tieren kenne ich sogar die Familie drei Generationen zurück“, sagt Sarah. Obwohl sie zu manchen Schafen eine emotionale Verbindung aufbaut, könne sie mittlerweile damit umgehen, dass die Tiere geschlachtet werden: „Ich habe gelernt, mich zu trennen. Schließlich haben wir die Tiere, um Geld zu verdienen. Die Lämmer und Schafe werden bei uns zu Hause vom Schlachter abgeholt, was den ,Abschied‘ für mich erleichtert.“

Ein Bewusstsein für Verantwortung hat Sarah nicht nur gegenüber der Familie, sondern auch gegenüber der Natur. Gegenüber der Schöpfung. „Das Tollste am Beruf des Schäfers ist es, bei der Entstehung von neuem Leben dabei zu sein. Zu sehen, wie Lämmer geboren werden, aufwachsen, einen Charakter bilden und so eine neue Generation entsteht. Als Schäferin kann ich Natur ganz hautnah erfahren und sie respektieren.“ Außerdem setzt sich die Schäferei Drude in einem von der EU geförderten Landschaftspflegeprogramm für die Erhaltung der Schöpfung ein. Sarah erklärt: „Im Sommer beweiden wir bestimmte Gebiete mit unseren Schafe und erhalten Geld dafür. Damit setzen wir uns für die Artenvielfalt und Naturschutz in unserem Gebiet ein.“

Ein Osterlamm wird bei den Drudes nicht auf den Tisch kommen. Sarah mag den Geschmack des Fleisches einfach nicht. „Vielleicht auch ne Kopfsache“, sagt die 24-jährige Schäferin lachend.

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