18.01.2019

Body + Soul

Date dich selbst

Selbstfürsorge im Smartphone-Zeitalter

test
von Christina Behrens

Gehetzt, gestresst und daueronline. Drei Begriffe, die besser nicht zu unserer heutigen Zeit passen könnten. Arbeitgeber, Partner oder Partnerin, die eigene Familie, alle fordern und verlangen. Und letzten Endes musst du schauen, dass vor allem einer nicht auf der Strecke bleibt: Du.

Jetzt mal ehrlich: Wann hattest du das letzte Mal ein Date mit dir selbst? Eines, wo du genau das machst, worauf du Lust hast. Wo du vielleicht ein bisschen mit dir selber flirtest, dich ins Kino einlädst oder dir eine kurze Auszeit gönnst. Me-Time heißt das Konzept neudeutsch und wenn man Instagram checkt, verbergen sich dahinter vor allem Badewannen, Kerzen und Kaffee-Sessions am leicht beschlagenem Fenster. Zeit mit sich selbst zu verbringen kann aber noch viel mehr. Wir haben uns auf die Suche nach ein bisschen Selbstfürsorge begeben.

Was brauchst du, damit es dir gut geht?

Ständig beschäftigt mit der Welt um uns herum, fehlt uns oftmals der Blick für uns selbst. Wir merken es meist dann, wenn es zu spät ist. Bettina Hielscher musste das auch erst einmal lernen. Früher geplagt von äußerer Fremdbestimmtheit und innerem Selbsthass, hilft sie heute anderen, sich selbst wieder auf die Spur zu kommen. Viel zu lang haben wir uns zu wenig um unser Inneres gekümmert. "Was brauche ich, damit es mir gut geht?" ist eine der zentralen Fragen, die sie sich und den Menschen stellt. Das klingt erst einmal simpel, ist im hektischen Alltag aber schnell vergessen. Meist stehen die eigene Leistung und der Erfolg im Mittelpunkt.

Einfache Fragen führen zu mehr Selbstbewusstsein im Alltag.
Einfache Fragen führen zu mehr Selbstbewusstsein im Alltag.

Wann war dein Smartphone das letzte Mal bewusst abgeschaltet?

Innehalten, durchatmen und ganz auf sich selbst konzentriert sein, ist keine einfache Übung. In Zeiten der FOMO lässt sich erahnen, dass es uns gar nicht so leicht fällt, mal auf die Welt um uns herum zu verzichten. Momentchen, FOMO? Ja, uns plagt schnell die fear of missing out. Zu Deutsch: "die Angst, etwas zu verpassen" – insbesondere auch dann, wenn wir mal nicht online sind. Ein Phänomen, welches sich in den letzten Jahren breitgemacht hat und zu einer echten Gefahr für die Gesundheit werden kann. Nicht nur akuter Stress, sondern auch langfristige Folgen wie Burnout sind damit durchaus verbunden. Da kommt die JOMO-Gegenbewegung gerade recht. Als Kontrast zur Angst etwas zu verpassen, wird dabei genau das gefeiert: Einfach mal aus dem Leben ausklinken und es dann auch noch genießen – eben die joy of missing out.

Bettina Hielscher
Krankenschwester, Autorin & Coach für Lebensberatung

»Man kann sich Selbstfürsorge wie eine Blume vorstellen: Auch sie braucht Licht, Erde, Wasser und Raum um sich entfalten zu können. So ist es auch bei uns Menschen. Wir haben bestimmte Bedürfnisse die erfüllt werden müssen, damit es uns wirklich gut geht. Was das ist, kann man nicht pauschal sagen. Jede Blume ist anders, so auch der Mensch.«

Mehr Zeit mit sich selbst zu verbringen kann nicht schaden, ganz im Gegenteil sogar: Eine Studie der Universität Koblenz-Landau hat gezeigt, dass regelmäßige Selbstfürsorge einen präventiven Nutzen für die psychische Gesundheit hat. Was Selbstfürsorge in dem Kontext jedoch bedeutet, ist aber gar nicht so leicht zu definieren. Die Ärztin und Pyschoanalytikerin Luise Reddemann schreibt von einem "liebevollen, wertschätzenden, achtsamen und mitfühlenden Umgang mit sich selbst" und das Ernstnehmen eigener Bedürfnisse. Und: Es müssen konkreten Handlung damit einhergehen. Dazu gehört auch ein bisschen Disziplin: "Wir haben oft alle einen vollen Tag mit einem ebenso vollen Terminkalender. Da braucht es die bewusste Entscheidung: Ich will für mein Wohlbefinden sorgen", findet Hielscher und erklärt weiter "Man muss Verantwortung für sich selbst übernehmen, sonst fühlt man sich schnell wieder fremdbestimmt."

Bettina Hielscher berät Menschen rund um das Thema Selbstfürsorge und Achtsamkeit.
Bettina Hielscher berät Menschen rund um das Thema Selbstfürsorge und Achtsamkeit.


                Auf Kuschelkurs mit sich selbst

Die gute Nachricht: Jeder kann lernen, Zeit mich sich selbst zu verbringen. Dafür braucht man weder ein asketischer Mönch werden, noch eine Badewanne und Duftkerzen zu besitzen. Achtsamkeit ist vor allem eine Frage der Übung, weiß Hielscher: "Wer wirklich bereit dazu ist, etwas für sich zu tun, wird auch Erfolg verspüren. Das gelingt auch schon durch Kleinigkeiten." Allerdings gibt es für die eigene Me-Time kein allgemeingültiges Konzept. So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so individuell sind auch unsere Bedürfnisse. Über die eigenen sollte man sich erst einmal klarwerden. Neben dem allgemeinen selbstfürsorglichen Handeln im Alltag – wie ausreichend Essen, Pausen machen und schlafen – müssen selbstgewählte Auszeiten persönlich definiert werden und können in den unterschiedlichsten Lebensbereichen liegen. Wichtig ist: Du genießt die Zeit mit dir allein, zumindest nach der Eingewöhnungsphase. Egal, ob du klassisch einfach in dich selbst hineinspürst, die Stille genießt und Tagebuch schreibst oder spazieren gehst, zu guter Musik abrockst, betest oder allein ins Kino gehst – du schöpfst neue Kraft für den Alltag und lernst dich auch selbst gut auszuhalten. So gesehen ist dies also eins der besten Dates, die du haben kannst – eine lebenslange Liebesbeziehung inklusive.

Was tust du, um einfach mal Zeit mit dir selbst zu verbringen?

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