Wie würde Gott entscheiden?
05.10.2021

Miteinander

Würde Gott...?

Leistung bringen, Erbarmen zeigen – Prof. Oliver Reis sagt, warum Gottes Gerechtigkeit Menschen immer wieder herausfordert

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von Tobias Schulte

Gerechtigkeit ist in seinem Gottesbild ein zentraler Begriff, sagte Prof. Dr. Oliver Reis in einem YOUPAX-Interview vor knapp einem Jahr. Zeit, ihn in der aktuellen Serie zum Thema Gerechtigkeit zu fragen, wie Gott Gerechtigkeit lebt und wie wir Menschen vor ihm gerecht werden können.

Zur Person: Prof. Dr. Oliver Reis leitet den Lehrstuhl für Religionspädagogik unter besonderer Berücksichtigung von Inklusion an der Uni Paderborn. Er wurde 1971 in Köln geboren und ist verheiratet. Neben der Lehrtätigkeit an der Uni Paderborn arbeitet er mit dem Erzbistum Paderborn zusammen, um die Arbeit der katholischen Schulen zukunftsfähig zu machen.

Professor Reis, wie geht es Ihnen?
Ich habe schon einen langen, aber spannenden Tag hinter mir. Ich komme gerade von einer Sitzung des Projekts „Katholische Schulen – Profilbildung stärken“, bei dem es um die Frage geht, ob die katholischen Schulen noch zu retten sind.

Und?
Der Ruf der Schulen ist noch gut, aber die entscheidende Frage ist: Wie bewahren sie ihr Profil als katholische Schulen? Um das zu beantworten, ist die Frage in den Mittelpunkt gerückt: Würde sich Gott in diesen Schulen wohlfühlen?

Wo fühlt sich Gott denn wohl?
Ich sage mal: Gott ist da nicht anders als Menschen. (lacht) Er braucht eine gewisse Vertrautheit. Er will bestimmte Dinge wiederkennen.

Welche Rolle spielt Gerechtigkeit dabei?
Für mich ist die Frage: Was für ein Umgang miteinander würde Gott gefallen? Im Unterricht basiert Gerechtigkeit auf Lernkriterien. Wer bestimmte Fähigkeiten zeigt, bekommt eine entsprechende Note. Das wäre eine Form von Gerechtigkeit, die bei Gott schon Fragezeichen hinterlassen würde.

Gott würde keine Noten vergeben?
Ich glaube: Wenn Gott Noten vergeben würde, dann wüsste er, welche begrenzte Aussagekraft sie haben. Das Problem ist, dass Noten erbarmungslos werden können. Zum Beispiel, weil wir vergessen, welche Geschichte ein Individuum hat.

Wie vergeben Sie Noten?
Bei Studierenden, die eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben, ist der Deal: Wenn es ihnen gelingt, die grundlegenden Theorien darzustellen, aber die Untersuchung selbst bleibt vage und die Erkenntnisse kommen kaum über das Bekannte hinaus, dann ist die schlechteste Note eine 2,7. Aber ich bin knallhart, was die 1,0 und 1,3 angeht. Da gibt es harte Kriterien, weil ich mit den Noten sage: Du bist außergewöhnlich, du könntest hier promovieren.

Und würde Gott das gut finden?
Ich glaube, dass Gott sagen würde: Ich sehe, dass du niemanden formal über die Klinge springen lässt. Dass dir Menschen nicht egal sind. Aber es kann auch nicht alles gleich sein. In die Abschlussarbeit stecken Studierende ein halbes Jahr ihres Lebens, da muss es die Möglichkeit geben, zu sagen: Das ist eine außergewöhnliche Leistung.

Wo fällt es Ihnen leicht, Gerechtigkeit zu leben?
Ein Beispiel: Wir planen ein Projekt. Einer der beteiligten Personen macht am Anfang nicht mit. Wenn die Aktion läuft, will er oder sie aber dann doch dabei sein und am Ende ganz vorn stehen. Ich finde: Die Person hat etwas zu geben, wir brauchen sie für das Gesamtprojekt.

Leistungen spielen vor allem in der Schule eine wichtige Rolle

Ist das gerecht?
Für mich ist Gottesgerechtigkeit nie nur Erbarmen oder nie nur Rechtsanspruch. Gottes Gerechtigkeit zwingt uns dazu, zu fragen: Würde Gott …?

Ich weiß, dass Gott das Projekt besser findet mit der Person. Das Problem ist: Wenn du nur mit der Faust in der Tasche dabei zusehen kannst, wie die Person in der ersten Reihe steht, dann entsteht keine Gerechtigkeit. Es geht darum, wirklich zu verstehen: Aus einer anderen Perspektive heraus bin ich freigesetzt, dem anderen das zu gönnen.

Oder auf die Person zuzugehen und zu sagen: Kannst du zwar machen, aber ich habe da einen faden Beigeschmack?!
Das kann man äußern, man muss auch nicht alles klaglos hinnehmen. Wichtig ist für mich, dass es eine durchlaufende Gerechtigkeit gibt, die letztlich auch mein Leben umgreift. Ich kann etwas loslassen, weil ich weiß, dass auch ich in vielen Momenten meinen Mitmenschen oder Gott nicht gerecht werde – und trotzdem getragen bin.

Es geht um dieses Loslassen, verbunden mit der Frage: Naja, wie will ich dastehen, auch am Ende meines Lebens?

Puh. Die Frage ist aber schon …
… katholisch. Am Ende meines Lebens schaue ich, aber auch Jesus auf mein Leben und wir fragen: Was war das für ein Leben? Diese Perspektive setzt viele Kräfte frei, um Gerechtigkeit und Erbarmen zu leben.

Wie stellen Sie sich vor, wie Jesus auf mich und mein Leben guckt?
Wenn ich es auf einen Satz bringen müssten, wäre es: Habe ich mein Leben in Gabe gelebt? War es ein gebendes Leben? In meinem Leben haben mir meine Eltern, meine Geschwister, mein Doktorvater und meine Studierenden ganz viel gegeben. Also ist die Frage an mich: Ist es mir gelungen, die Ressourcen, die durch mich geflossen sind, wieder in die Welt fließen zu lassen?

Und wo spielt Ihr Glaube da eine Rolle?
Glaube ist für mich der Moment, in dem sich der Schalter umlegt. Indem ich begreife, was für ein Geschenk mir gegeben wurde. Der Glaube ermöglicht mir auch den Blick auf mein ganzes Leben. Dass ich eine Geschichte habe, eine Berufung, einen Ort und eine Aufgabe.

Ein Beispiel: Im Dritten Reich, in den Konzentrationslagern, entstand im jüdischen Zeugnis die Frage: Wie tun wir hier richtig Tora? Wenn du dir diese Frage stellt, bist du immer noch Subjekt. Du sagst: In meinem Glauben ist Gott hier bei uns und gibt uns den Auftrag: Lebe die Tora, halte die Gebote und zeige Erbarmen.

Glaube ist der Moment, in dem du erkennst, dass – obwohl es verzweifelt aussieht – auch dieser Moment eine Geschichte hat. Und, dass es weitergeht.

Der christliche Glaube fordert jeden Einzelnen heraus. Jesus sagt zum Beispiel mit Blick auf den barmherzigen Samariter: Tu genauso!
Es gibt Menschen, die bekommen die Krise, wenn du Ansprüche an sie stellst. Denen werden so viele Ansprüche gestellt, dass sie keine Kraft mehr für weitere Ansprüche haben. Ich finde Ansprüche einfach nur gut. Dass mir jemand sagt: Oliver, dir traue ich Barmherzigkeit zu. Und nicht nur Gerechtigkeit und ein bisschen Almosen.

Glauben und Bwertung - geht das zusammen?

Was finden Sie daran so gut?
Dass Menschen mehr sein können als nur berechnende Ich-Maschinen. Dass Menschen in der Lage sind, ihre eigene Existenz zu überschreiten. Das heißt nicht, dass ich das alles immer kann, aber mich haben die Bergpredigt und die Heiligenlegenden immer schon fasziniert, weil ich da so eine Radikalität und eine Ehrlichkeit gespürt habe. So eine Wucht.

Kennen Sie nicht das Gefühl, beansprucht zu werden? Es gäbe einen leichten Weg. Aber Sie entscheiden sich, den schweren Weg zu gehen, es wirklich gut zu machen und zum Beispiel dieses Interview auf den Punkt zu bringen. Dass Sie das Maximum rausholen und sagen können: Das bin jetzt wirklich Ich mit meiner ganzen Energie. Ich bin der Sache gerecht geworden.

Der Glaube fordert uns immer wieder heraus

Das kenne ich gut. Aber meine erste Reaktion auf eine Herausforderung ist oft: Muss das sein?! Erst im zweiten Moment kommt der Gedanke: Geil, dass Menschen mir das zutrauen. Zum Abschluss die Frage: Wenn Sie das Wort Gerechtigkeit hören – welche Bilder tauchen vor Ihrem inneren Auge auf?

Es ist einmal ganz konkret die Justitia, die Statue mit den verbundenen Augen und der Waage. Recht, Gerechtigkeit, Unparteilichkeit. Das andere Bild stammt von einer Bibelgeschichte: Jesus trifft eine syro-phönizische Frau. Sie bittet ihn, ihr Kind zu heilen. Jesus sagt: Hey, du gehörst nicht zu Israel. Du hast kein Recht, dass ich dein Kind heile. Und diese Frau macht Jesus klar: Naja gut, aber selbst die Hunde kriegen am Tisch ab, was sie zum Leben brauchen. Und wenn ich für dich ein Hund an deinem Tisch bin, dann kriege ich oder mein Kind ab, was wir brauchen.
Diese Geschichte zeigt, dass Jesus selbst verstehen musste, dass das Recht nicht alles ist. Die Frau verpasst Jesus einen Denk-Zettel und fragt: Wie gerecht bist du, dass du das sagst?! Und Jesus erkennt: Na klar! Dein Glaube, dass das nicht das letzte Wort von Gott sein kann, hat dein Kind geheilt.

Prof. Reis, vielen Dank für das Gespräch.

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