Der Wärmebus Dortmund im Einsatz
13.04.2020

Miteinander

Wenn #zuhausebleiben nicht möglich ist 

Wohnungslos in Zeiten von Corona. Im Interview mit Stefan Wehrmann vom Wärmebus Dortmund.

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Von Laura Grotenrath

Es gibt nur Schätzungen darüber, wie viele Menschen in Deutschland wohnungslos sind. Die aktuellsten Zahlen sind von Juni 2018. Etwa 678.000 waren zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit ohne festen Wohnsitz. Knapp 45.000 davon lebten in Nordrhein-Westfalen. Bis heute dürfte sich daran wenig geändert haben. Was sich seitdem geändert hat, ist die Lebenssituation der Betroffenen. Die gesundheitlichen Risiken und Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie setzen ihnen besonders schwer zu.

YOUPAX hat mit Stefan Wehrmann, Projektkoordinator für den Wärmebus Dortmund und Mitarbeiter der katholischen St. Johannisgesellschaft, über die Situation wohnungsloser Menschen in Zeiten von Corona gesprochen.

Der Wärmebus von hinten

»Menschen auf der Straße sind sämtlichen Viren viel stärker ausgesetzt.«

Stefan Wehrmann
Projektkoordinator für den Wärmebus Dortmund

YOUPAX: Wie beeinflusst die Corona-Pandemie wohnungslose Menschen?
Stefan Wehrmann: Menschen auf der Straße sind sämtlichen Viren viel stärker ausgesetzt. Die Möglichkeiten, sich sauber zu halten und die Hände zu waschen, sind sehr gering. Sie haben keinen Mundschutz oder Einweghandschuhe, um sich zu schützen. Dazu kommt: Viele Menschen leben in Gruppen und sind auf der Straße eine Einheit. Dadurch ist die Ansteckungsgefahr umso größer. Selbst, wenn die Regierung einen Lockdown anordnen würde, könnten sie nicht einfach drinnen bleiben. Ihr Zuhause ist die Straße. 

Du arbeitest für den Wärmebus. Wie unterstützt ihr Menschen in dieser schwierigen Situation?
Ich hole mal kurz aus, um den Kontext zu erklären. Das Projekt Wärmebus gibt es seit November 2018. In den Wintermonaten vom ersten November bis 31. März fahren wir am frühen Abend drei Mal pro Woche an drei Standorte in Dortmund. Die Menschen bekommen bei uns Suppe, Brötchen und warme Getränke. Außerdem geben wir Hygieneartikel, Kleidung, Schlafsäcke und Isomatten sowie Katzen- und Hundefutter aus. Ab April und während des Sommers fahren wir normalerweise nur donnerstags, weil an diesem Tag die anderen Institutionen für Wohnungslose in Dortmund geschlossen haben. Aufgrund von Corona fahren wir seit Mitte März täglich.

Ersatzangebote schaffen

Stefan Wehrmann
Stefan Wehrmann

»Wir sind stolz und froh über diese Unterstützung.«

Warum ist das wichtig?
In Dortmund haben die Läden und Gastronomie nun ganz oder teilweise geschlossen und auch vor Kirchen ist nichts mehr los. Darum gibt es jetzt in der Innenstadt keine Möglichkeit mehr, zu betteln und irgendwie an Geld zu kommen. Viele andere Einrichtungen, die Wohnungslosen sonst helfen, mussten ihren Betrieb ebenfalls aufgrund des Versammlungsverbots einstellen oder stark einschränken. Mit dem Wärmebus tragen wir dazu bei, dass wohnungslose Menschen weiterhin eine warme Mahlzeit bekommen.

Wie organisiert ihr eure Arbeit aktuell?
In Dortmund gibt es einen Krisenstab aus unterschiedlichen Hilfssystemen für Wohnungslose und der Stadt Dortmund. Wir haben uns dort abgesprochen, wie wir weiterhin helfen können. Seitdem werden morgens am Wichernhaus und im „Gasthaus statt Bank“ Lunchpakete ausgegeben und um 17 Uhr kommen die zwei Fahrzeuge des Wärmebusses zum Dortmunder U und zum Nordmarkt. Wir haben unsere Standorte geändert, damit alle Hilfsangebote während der Krise geografisch näher beieinander liegen. Das macht es für unsere Klienten etwas einfacher. Wir geben weiterhin Suppe, Brötchen und Getränke aus. Die Lebensmittel sind Spenden und von den drei Projektträgern (siehe Infobox) finanziert. Die Ausgabe von Kleidung und anderen Hilfsgütern haben wir vorerst runtergefahren, weil stattdessen die Kleiderkammer der Diakonie in Dortmund täglich geöffnet hat.

Welche Probleme gibt es außer der Versorgung mit Lebensmitteln?
Viele Einrichtungen, die sonst Anlaufstelle für wohnungslose Menschen sind, müssen derzeit geschlossen bleiben. Darum fehlen gerade vielen nicht nur die Grundversorgung, sondern auch der soziale Kontakt und Menschen, die sie unterstützen und begleiten können. Manche Menschen reden darum gern mit uns, andere holen sich nur Essen ab und gehen direkt wieder. 

Außerdem haben alle öffentlichen Bäder geschlossen. Die nutzen viele Menschen ohne Wohnung sonst, um sich zu waschen. Entsprechend konnten sich einige von ihnen sich schon seit mehreren Wochen nicht duschen. Der Krisenstab in Dortmund sorgt nun gerade dafür, dass wohnungs- und obdachlose Menschen in einer Einrichtung doch wieder an drei Tagen in der Woche duschen können. Dort bekommen sie dann auch Handtücher, können ihre Kleidung waschen lassen und neue bekommen. Das ist eine große Hilfe.

Hat die Pandemie Auswirkungen auf eure Mitarbeiter?
Einige Ehrenamtler gehören der Risikogruppe an und fallen darum bei uns und in anderen Hilfseinrichtungen aus. Andere arbeiten in systemrelevanten Berufen wie Alten- und Krankenpflege oder Jugendhilfe, so dass sie sich dem Ansteckungsrisiko nicht aussetzen können. Darum haben wir vor zwei Wochen einen Aufruf gestartet und innerhalb von drei Tagen haben sich 40 Leute gemeldet. Damit haben wir nun wieder über hundert Leute, die die Fahrten unterstützen. Das ist echt klasse. Wir sind stolz und froh über diese Unterstützung.

Wie kann jeder von uns Menschen in dieser Notsituation auch unterstützen?
Wer gerade mehr Zeit hat als sonst, kann sich einer Institution anschließen und ehrenamtlich helfen. Spenden sind auch immer gut, sowohl finanzielle (siehe Infobox) als auch Sachspenden. Hygieneprodukte und Handtücher werden bei uns zum Beispiel gerade gebraucht.

In vielen Städten – hier zum Beispiel am Dortmunder U – haben Anwohnerinnen Gabenzäune eingerichtet, an die sie Lebensmittel und Hygieneprodukte hängen. Das ist super, so können sich unsere Gäste im Anschluss noch was für später mitnehmen.

Der Wärmebus ist ein Kooperationsprojekt der katholischen St. Johannisgesellschaft, der Stadtkirche Dortmund und des Malteser Hilfsdienstes.

Das Projekt ist dankbar über Spenden auf folgendes Spendenkonto:
Malteser Hilfsdienst Dortmund
Paxbank Köln
IBAN: DE78 3706 0120 1201 2168 30
BIC: GENODED1PA7
Stichwort „Wärmebus“

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